„Bücher von Frauen für Frauen“

Bücher von Frauen für Frauen

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 25.01.2010

Antiquariatsmesse – Inge Utzt setzt große Hoffnung auf das nächste Wochenende im Kunstgebäude. Von Thomas Borgmann

Heute beginnt für Inge Utzt die wichtigste Woche des Jahres. Am Freitag startet im Kunstgebäude am Schlossplatz die 49. Stuttgarter Antiquariatsmesse, der älteste und bedeutsamste Markt für wertvolle alte Bücher in Europa. Die Vorarbeiten laufen auf Hochtouren: „Mein Katalog für die Messe ist fertig und muss an die Kundschaft verschickt werden, die Bücher, die ich dort anbieten möchte, sind zu verpacken, alles muss sorgfältig organisiert sein“, sagt die Antiquarin aus Bad Cannstatt. Nächstes Jahr feiert sie ihr 50. Berufsjahr, seit den achtziger Jahren stellt sie auf der renommierten Messe aus – so jemanden nennt man auch in der selbstbewussten Zunft der Antiquare einen „alten Hasen“.

Doch Inge Utzt ist ein Sonderfall. In der Nähe von Osnabrück geboren, hat sie einerseits eine grundsolide Ausbildung und jede Menge Erfahrung als Antiquarin, andererseits ist sie seit 1964 Mitglied der SPD und kennt das Auf und Ab eines politischen Lebens zur Genüge. „1973 hat es meinen Mann und mich durch Zufall nach Stuttgart verschlagen. Später bin ich sozusagen zweigleisig gefahren: Ich habe ein Antiquariat aufgebaut, das auf Frauenliteratur spezialisiert ist, und ich war politisch aktiv.“ Von 1994 bis 2001 saß Inge Utzt für die SPD im Gemeinderat, von 2001 bis 2006 für den Wahlkreis Bad Cannstatt und die Neckarvororte im Landtag. Als sie vor vier Jahren nicht mehr wiedergewählt wurde, machte sie aus der politischen Not und der bittersten Niederlage ihrer Laufbahn eine berufliche Tugend: „Mein Wahlkreisbüro an der Tuchmachergasse habe ich in mein Antiquariat umfunktioniert“, sagt Inge Utzt. Am Rande der idyllischen Cannstatter Altstadt führt sie seitdem ihren kleinen, geradezu wohnlichen Laden. Dort sind vor allem Frauen willkommen, die Bücher sammeln, die lesen und plauschen wollen – aber natürlich auch Männer, die sich für alte Bücher begeistern können.

Aber das Geschäft mit den Raritäten und den Klassikern ist in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise schwierig geworden. „Das Jahr 2009 war sehr mühsam“, gesteht Inge Utzt. Im Oktober ist sie 65 geworden – es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte ihre 1981 begonnene Selbstständigkeit beendet. „Doch plötzlich, kurz vor Weihnachten, konnte ich viele gute Bücher an eine einzige Institution verkaufen, das hat mir neuen Mut gemacht.“ Nun ist sie fest entschlossen, weiterhin bei der Stange zu bleiben, schließlich verstehe sie ihre Arbeit auch politisch: „Ich bin nach all den Jahren immer noch neugierig auf die Literatur von Frauen für Frauen: auf frühe Reisebeschreibungen, auf Biografien, auf Briefe, Lyrik und Prosa.“ Inge Utzt ist eben Händlerin und Leserin in einer Person.

Mit ihrem Spezialgebiet steht die Cannstatter Antiquarin bundesweit allein da. Nirgendwo sonst findet die geneigte Leserin ein solches Angebot, auch für den etwas kleineren Geldbeutel: Claire Golls signierten Klassiker „Das tätowierte Herz“ gibt es schon für 85 Euro, für Luise Gottscheds „Die Pietisterey im Fischbein-Rocke“, das die damals 23-Jährige 1735 anonym veröffentlichen ließ, müssen Kundin oder Kunde allerdings 975 Euro anlegen. Der „Frauenzimmer-Almanach zum Nutzen und Vergnügen“ von 1818 kostet 180 Euro, und stattliche 1300 Euro sind notwendig, wenn jemand die seltene, dreibändige Erstausgabe von „Rosaliens Briefe“ der berühmten Sophie von La Roche aus den Jahren 1779 bis 1781 erwerben möchte. Inge Utzt ist bei der diesjährigen Messe, die von Freitag bis Sonntag dauert, eines von nur fünf Stuttgarter Antiquariaten, die im Kunstgebäude vertreten sind. Früher waren es Jahr für Jahr gut doppelt so viele. Der Handel mit der geistreichen Ware ist schwieriger geworden. Trotzdem mag die Antiquarin aus der Tuchmachergasse Nummer drei keine Kompromisse machen: „Mit Kochbüchern kann ich nicht dienen, die sind ein Spezialgebiet für sich.“