30 Jahre Antiquariat für Frauenliteratur Inge Utzt

Wie alles anfing:

Als ich 1961 mit der Mittleren Reife die Schule verließ, wollte ich an die Pädagogische Hochschule – Lehrerin war für die Arbeitertochter in der niedersächsischen Kleinstadt das Berufsziel. Um zur Begabtensonderprüfung zugelassen zu werden, musste ich eine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Weil ich so gerne las, bewarb ich mich um eine Lehrstelle in einer Buchhandlung. Dass das eine naive Vorstellung von der Arbeit als Buchhändlerin war, wurde mir ziemlich schnell klar. Bei der Vorstellung in der Buchhandlung Wenner in Osnabrück fragte mich der Chef, ob ich lieber im Sortiment oder im Antiquariat lernen wollte. Ich habe mich fürs Antiquariat entschieden und diese Entscheidung nie bereut. Ziemlich schnell habe ich dann auch den ursprünglichen Berufswunsch Lehrerin aufgegeben, so sehr gefiel mir die Arbeit.

Der Arbeitstag war recht lang: Von zu Hause zum Bahnhof war es ein Weg von einer halben Stunde, eine weitere halbe Stunde Bahnfahrt, 10 Minuten Fußweg vom Bahnhof zur Firma Wenner und das Ganze abends zurück. Ich kam so gut auf einen 12 Stunden-Arbeitstag. Unser Pfarrer wusste, dass Antiquare, die mit alten Drucken zu tun haben, über Lateinkenntnisse verfügen sollten und bot an, mir Lateinunterricht zu erteilen. In der Schule hatte ich Englisch und Französisch gelernt, Latein gab es in der Realschule aber nicht. So nahm ich sein Angebot gern an. Nach Feierabend ging ich zweimal in der Woche zu ihm, um mit Hilfe der Bibel Latein zu lernen. Noch heute bin ich dafür dankbar, denn viele Bücher hätte ich ohne diesen Unterricht nicht katalogisieren können. Wir handelten viel mit alten Drucken und ich erinnere mich noch gut an das Gefühl als ich die Erstausgabe der Bannandrohungsbulle gegen Luther katalogisieren durfte. Mir wurde der Auf- und Ausbau einer Graphikabteilung übertragen, was mir viel Freude bereitete.

Ein kleines Erlebnis aus dieser Zeit bleibt mir immer in Erinnerung. Ich war auch im „Schwangerschaftsurlaub“ in stetem Kontakt mit der Firma und wurde eines Tages gebeten, doch ein Manuskript in Ruhe aufzunehmen. Kurz entschlossen packte ich es in meine Handtasche und fuhr mit dem Bus nach Hause. Dort stellte ich fest, dass ich den Wert eines Einfamilienhauses einfach so transportiert hatte und das in meinem Zustand. Nach Erledigung der Arbeit habe ich das gute Stück mit einem Taxi zurück gebracht.

1968 begann mein Mann sein Studium in Bonn und ich wechselte in das Antiquariat Emil Semmel. Die Bücher dort fanden nicht so sehr mein Interesse. Ich klagte meinem ehemaligen Lehrherrn Dietrich Stüve mein Leid und er schickte mir aus seinem Privatbesitz alte Urkunden zum transkribieren. Das war sehr anregend.

Nach etwa 2 ½ Jahren im Antiquariat Semmel wechselte ich in das Antiquariat Hanno Schreyer, das auf Graphik spezialisiert ist. Dort blieb ich bis zu unserem Umzug im Juli 1973 nach Stuttgart.

Wenige Monate als Hausfrau machten mir deutlich, dass ich dafür nicht geeignet bin. Auf dem Arbeitsamt wurde mir ein Pädagogikstudium empfohlen und ich liebäugelte mit dem Gedanken, meinem ersten Berufswunsch zu folgen. Vorher bat mich jedoch Hanno Schreyer ihm Ende Januar 1974 auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse zu helfen. Ich nutzte die Gelegenheit und schaute mich bei den Stuttgarter Antiquariaten um. Besonders nett war eine Kollegin bei Brockhaus und ich habe mich dann dort beworben. Anfang April habe ich in diesem Antiquariat für Geographie und Reisebeschreibungen angefangen zu arbeiten. Brockhaus durfte ich auf Auktionen vertreten, für das Antiquariat Messen ausrichten und Katalog erstellen.

Wie es wurde:

Zum 1. Januar 1981 habe ich mich selbständig gemacht. Doris Cordes-Vollert entwarf mein Firmensignet, auf dem zu sehen ist, was ich neben meiner Familie am meisten liebe: Katzen und Bücher. „Man kann im Leben auf vieles verzichten, aber nicht auf Katzen und Literatur“ (Schöffling, Literarischer Katzenkalender). Dieser Spruch dafür hätte Pate stehen können.

In der Taubenheimstraße 30 in Bad Cannstatt waren meine ersten Geschäftsräume. Gleich mein zweiter Katalog, der am 27. April 1981 verschickt wurde, trug den Titel „Frauen. Emanzipiertes und nicht Emanzipiertes“ und diesem Thema bin ich treu geblieben. In der Zwischenzeit habe ich eine Reihe von Katalogen mit Büchern von, über und für Frauen erstellt, darunter mehrere, die „Frauen auf Reisen“ zum Inhalt haben. Kataloge mache ich derzeit nur wenige.

Im Vorwort zu meinem Katalog 25 ist zu lesen „Es gibt ‚große’ und ‚kleine’ Jubiläen – für Antiquare ist 25 ein kleines Jubiläum. Wenn sich aber die kleinen Jubiläen häufen, ergeben sie zusammen ein großes Jubiläum – und so eines möchte ich mit diesem Katalog feiern. Seit 25 Jahren bin ich nun in diesem Beruf und danke ganz besonders meinem Lehrherrn Dietrich Stüve, der in mir die Liebe zum Antiquariat so nachhaltig geweckt hat. Vor 5 Jahren habe ich mich selbständig gemacht. Mein Dank gilt allen Kolleginnen, Kollegen, Kundinnen, Freunden die mich zu diesem Schritt ermutigt und mich auf die vielfältigste Weise unterstützt haben und noch unterstützen“.

Dieser Dank gilt weiterhin.

Im Rückblick auf nunmehr 50 Jahre Berufstätigkeit und 30 Jahre Antiquariat Inge Utzt bin ich immer noch überzeugt, die für mich beste Berufsentscheidung getroffen zu haben.